Irgendwann letzte Woche hatte ich die Folge einer Kochsendung schon mal gesehen. Heute gab es auf EinsPlus die Wiederholung (in den nächsten Tagen sind weitere geplant). Als Fan von Vincent Klink ("Kochkunst" auf SWR und EinsPlus) überzeugte mich die unaufgeregte natürliche Kochweise des schwäbischen Kochs. Aber er ist nicht nur das! Zusammen mit Wiglaf Droste gibt er sogar eine kulinarische Literaturzeitschrift (oder auch eine literarische Kulinarzeitschrift) heraus.

Knödel stehen im Mittelpunkt der aktuellen Folge. Zusammen mit Co-Moderatorin Evelin König werden Spinatknödel mit Käsefüllung und -soße sowie Quarkknödel mit karamellisierter Ananas zubereitet. Zum Zeitpunkt der Niederschrift kann man sich die Folge hier ansehen. Beim Bereiten der Käsesoße glaube ich meinen Augen kaum (ab ca. 13m50): Instant-Gemüsebrühe!!! Bei Vincent Klink!!! Ich bin enttäuscht. Maßlos.

Da hilft auch nicht die kleine Panne der Moderatorin. Bei Minute 20m12 gibt sie Semmelbrösel in die Quarkknödelmasse. Auf Vincent Klinks Frage, ob das genau 100g sind, antwortet sie mit ja. Wer sich die ganze Sendung angesehen hat, wird bemerken, dass sie die Brotmenge nicht(!) abgewogen hat. Bei 20m34 gibt es dann den flehenden Blick in Richtung Fernsehpublikum: "Bitte verratet mich nicht. Hoffentlich geht das gut."

Ein gelegentlich genutztes Stilmittel ist das vor ein Kapitel gestellte und irgendwie dazu passende Zitat. Selbst Fernsehserien haben diese Idee aufgegriffen, ich denke da an Kevin Sorbos "Gene Roddenberry's Andromeda" (das ist übrigens kein Deppen-Apostroph, sondern ein amerikanisches - Synonym?).

Etwas anderes ist es, wenn man eigentlich nur ein Zitat dem geneigten Leser präsentieren will, das aber nicht raumfüllend ist. Dann lässt man sich ein paar tiefschürfende Gedanken über die Verwendung von Zitaten in Literatur und (utopischen) Fernsehserien einfallen und hängt das wichtigste und sinngebende hinten ran.

Neulich las ich einen schönen Gedanken von Vincent Klink (Koch, Autor, Herausgeber, Künstler):

Es gibt in Deutschland viele Menschen, die sich aus Stumpfsinn mit schlechtem Essen abfinden und ohne Not den Löffel an die verbrecherische Nahrungsmittelindustrie abgegeben haben.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Update: Aus gleichem Buche noch an eben gefundenes anderes Zitat. Das ist von Wiglaf Droste, der gerade wortreich eine Lammkeule erstanden und mit nach Hause gebracht hatte:

Zu Hause angekommen, half ich dem Lamm, es sich auf einem Gemüsebett bequem zu machen. Während ich das Tier in die Röhre schob, wo es sich recht bald wollüstig lasziv in Rosmarin, Schalotten, Tomaten, Knoblauch und Rotwein wälzte und dabei wohlig schmurgelnde bis zustimmend schnurrende Seufzlaute von sich gab, trällerte ich albern: O Gott, ich will nicht wissen, wo Du bist - mich penetriert die Frage, wo du isst.
Keine drei Sekunden später klopfte es an die Tür, ich öffnete. "Du hast mich gerufen?", fragte die Frau im Türrahmen. ... (Ich) sagte so lässig wie möglich: "Hallo, Kleine." In ihren Augen glitzerte es, amüsiert, wie mir schien, aber sie antwortete nur: "Pass du lieber auf dein Lämmchen auf. Du musst gut zu ihm sein. Gib ihm ordentlich Rotwein zu trinken." ...
"Der größte Tierfreund ist ein guter Koch", fuhr sie fort; "wenn man die Viecher schon umbringt, soll man sie hinterher wenigstens anständig behandeln. ..."'

 

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Wer sich mit aktueller deutscher Satire und aktuellem deutschen Kochfernsehen ein wenig auskennt, dem werden die Namen Wiglaf Droste und Vincent Klink schon einmal untergekommen sein. Bei der allgemeinen Oberflächlichkeit des Wissens wird es aber schwer fallen, zwischen dem Autor für taz, Junge Welt, WDR, Titanic und eigener Bücher auf der einen Seite und dem schwäbischen Koch mit eigenem Restaurant "Wielandshöhe" - in dem er im Gegensatz zu manch anderem TV-Kollegen öfter ist als im Kochstudio -  auf der anderen Verbindungen herzustellen.

Während ich mit Droste bisher wenig Berührungspunkte hatte, kannte ich Klink natürlich aus seiner "Kochkunst" im SWR-Fernsehen und seinen Auftritten im ARD-Büffett. Hinter seiner gemütlich schwäbelnden Fassade steckt aber mehr, als der träge Zuschauer auf seiner Esscouch vermuten würde. Dass er aus möglichst natürlichen Zutaten mit ein wenig Geschick, aber ohne großes Tamtam so manches schmackhafte zaubert, kann man rein optisch und akustisch gut nachvollziehen. Aber dahinter steckt mehr. Gute regionale Küche - michelinbesternt - mit dem richtigen intellektuellen Überbau.

Beide haben sich dem guten Essen, seiner Erzeugung, Zubereitung und seinem Genuss verschrieben, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. "So vierteljährlich wie möglich" erscheint seit Frühjahr 1999 die gemeinsam mit anderen Autoren gefüllte Zeitschrift "Häuptling Eigener Herd". Wer die 54 Euro Jahresabo nicht auf blauen Dunst hin ausgeben möchte (das erste Exemplar meines Abos ist mittlerweile bei mir angekommen, ich fürchte, dass ich darüber schreiben werde, wenn ich es ausgelesen habe), dem sei "Eine Essenz" daraus empfohlen, die im Reclam-Verlag für knapp 10 Euro erschienen ist.

Eine Kostprobe? Eine Kolumne über den Salat der deutschen Sprache endet Wiglaf Droste: "Wenn man den fußläufigen, zeitnahen, eck- und knackpunktenden, fassfrischen Sinnmachknackern so genau zuhört, wie die sich das niemals wünschen dürften, möchte man hinterher ein altes Lied anstimmen: Die Gedanken sind Brei, wer kann sie erahnen ...?"

Wiglaf Droste & Vincent Klink
Wir schnallen den Gürtel weiter
ISBN: 978-3-15-020158-9